Christo und Jeanne-Claude in Passau
Die Besucher des Jahres
Passau begeistert seine Besucher. Der Zusammenfluss von drei Flüssen an einem Punkt, die Altstadtgassen, der imposante Dom, die reiche Geschichte, die lebendige Kultur bleiben nicht ohne Wirkung. Nicht so bei den wohl berühmtesten Besuchern des Jahres: Das New Yorker Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude nahm die Höhepunkte des Stadtrundgangs eher im Vorbeigehen mit. Ein schneller Blick von Oberhaus auf die unter ihnen liegende Stadt, ein Blick vom Donauufer hinauf, kein Interesse an einem Gang zur Ortspitze. Könnte Passau Inspiration für eines ihrer künftigen Projekte sein, wurde das Paar gefragt. "Nein", war die ernüchternde Antwort.
Ganz anders zeigte sich das Paar, als es um seine Kunst ging. Da waren Christo und Jeanne-Claude nicht mehr zu bremsen, sie entflammten eine Begeisterung für ihre Projekte, ihre Gedanken - ja die Freiheit der Kunst. Sie wichen keiner Frage aus, stellten ihre Projekte in einen weltumspannenden Zusammenhang, sprengten Beengtheit und Grenzen, machten Mut, Großes und Unmögliches zu wagen - Weltkünstler halt.
Eine kulturelle Sternstunde für Passau, ermöglicht durch die PNP-Verlegerin Angelika Diekmann, die das Paar im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Menschen in Europa" nach Passau eingeladen hatte. Prominente Besucher gab es in Passau 2005 zuhauf. Kaiser Franz Beckenbauer, Fürstin Gloria, der Bruder des Heiligen Vaters, Shimon Peres aus Israel, DFB-Präsident Theo Zwanziger, Yoko Ono, aber auch Leute wie Dieter Bohlen, der sich den Studienort seines Sohnes genauer ansehen wollte, oder Werner Schnappauf, als er noch bayerischer Umweltminister war und vom professionellen Umgang der Passauer mit dem Hochwasser etwas lernen wollte. Rein touristisch gesehen erlebte Passau in diesem Jahr vor allem einen Boom bei den Kreuzfahrtschiffen. 1500 Passagierschiffe legten am Donauufer an. Rund 170 000 Reisende starteten bzw. beendeten hier ihre Fluss-Kreuzfahrt.
Helmuth Rücker
Kunst, Freude, Schönheit - sonst nichts
Bei ihrer Lecture in Passau haben Christo und Jeanne-Claude erläutert, was sie mit ihrem Werk bezwecken
Zwei Herzen. Zwei Köpfe. Ein zerknitterter Parka und ein flammender Pullover - Christo und Jeanne-Claude geben eine Lecture, eine Vorlesung, eine Einführung in ihre Kunst, in erster Linie aber eine Show zweier Künstler, die ähnliche Shows schon hunderte Male gemacht haben und wissen, wie das geht: ein Publikum fangen und fesseln und begeistern für etwas, für das sie sich ein paar Stunden vorher vielleicht nur am Rande interessiert haben. "Ein Künstler ist eine sehr einfache Person", hatte Jeanne-Claude kurz zuvor bei der Pressekonferenz gesagt: Er lässt ein Werk entstehen, weil er es entstehen lassen will - "wir machen unsere Kunst für uns. Wenn andere Menschen sie auch mögen, dann ist das ein Bonus."
Das ist natürlich ein wenig kokett, denn neben der ästhetischen Komponente hat Christo und Jeanne-Claudes Kunst immer auch etwas Soziales: Das beginnt bei der Überzeugungsarbeit bei Behörden, bei Politikern, bei Landbesitzern und bei den Bürgern, eine Arbeit, die die jeweils angesprochene community selbstverständlich verändert, sie als eine andere hinterlässt, als sie vor der Intervention der beiden gewesen ist. Das setzt sich fort bei den Betrachtern der Werke; Kunst nicht nur als Werk an der Wand zu erleben, sondern als etwas, das den Konsumenten umgibt, das ihn einschließt, ihn zu einem Teil des Werks macht und ihn so gerade der Konsumenten-Rolle enthebt - so etwas wird sein Kunstverständnis verändern, seine Sicht auf das Werk und auf die Welt. Dabei wollen sie doch nur, wie Christo sagt: "eine sanfte Störung des Raums".
Dazu stellten sie zum Beispiel, 1991 war das, Tausende von Schirmen in zwei Landschaften, in Kalifornien und in Japan. Die kalifornischen Schirme waren gelb, denn Kalifornien ist heiß und dürr. Die japanischen Schirme waren blau, denn Japan ist feucht und dunkel. Die Schirme stehen in der Landschaft wie Dächer ohne Haus, wie der Entwurf eines verrückten Architekten, der vergessen hat, seinen Gebäuden auch Wände zu geben. Wer Augen hat, das zu sehen, der wird nachdenken über Menschen und Gelände, wie Menschen mit der Erde umgehen, wie sie sie benutzen, verbrauchen, verletzen. Da können die beiden Künstler noch so sehr darauf bestehen, darum gehe es ihnen nicht - der Effekt ist impliziert, er ist da und kann nicht geleugnet werden.
Einen großen Teil der Dia-Show, die die Lecture begleitete, verwendeten Christo und Jeanne-Claude auf das Projekt, das sie gerade in Arbeit haben. Es heißt "Over the River"; dabei soll ein kilometerlanger Abschnitt des Arkansas in Colorado überspannt werden - eine Art ästhetischer Idar-Obersteinisierung des Flusses. Im Moment sind sie in der Planungs-, der Überzeugungsphase. Warum wehren sich so oft Politiker, Verbände, Bürger gegen die Projekte der beiden? Wo doch, erstens, zu sehen ist, dass am Ende etwas Schönes steht, etwas, das die Menschen ergreift und bezaubert? Und wo doch, zweitens, sogar ein kommerzieller Erfolg zu messen ist - 254 Millionen Dollar sollen mehrere Millionen Besucher in der Stadt gelassen haben, als heuer im Frühjahr "The Gates" den Central Park in New York verschönerten, mehr als 7500 Tore aus Stahl, die die Parkwege entlangzogen wie ein freundlich gefrorener Fluss. Christo und Jeanne-Claude ist das egal. Sagen sie.
Ihnen geht es um die Schönheit: Um verhüllte Schweizer Bäume im Gegenlicht. Die Pont Neuf in Paris, eingepackt in graues Gewebe. Um den Reichstag in Berlin, natürlich, "Reischtag", sagt Jeanne-Claude: Welche Diskussionen waren das in Deutschland 1995, selten zuvor und nie mehr danach wurde soviel über Kunst gesprochen in diesem Land, was sie leisten kann, was sie darf und wo ihre Grenzen sein mögen. Als der Reichstag dann
dastand, silbrig glänzend, eine Geschenkpackung wie ein Versprechen an das noch nicht lange wiedervereinigte Land - da mag auch dem Borniertesten aufgegangen sein, dass es mehr gibt als Haushaltsdebatten und Vermittlungsausschüsse: dass ein Land sich auch aus seinen Symbolen definiert, der Reichstag war das Symbol für Deutschland und was es sein wollte in der Zukunft. Obwohl die beiden auch das verneinen: "Wir schaffen keine Symbole", sagt Jeanne-Claude, und ihr Haar flammt mit ihrem Pullover um die Wette. "Wir erschaffen Kunst, Freude und Schönheit."Das ist es wahrscheinlich: Zwei Herzen. Zwei Köpfe. Und Schönheit. Mögen alle anderen denken, was sie wollen.
Stephan Handel
Menschen, die ihre Visionen absolut leben
Aus meinem Tagebuch mit Christo und Jeanne-Claude - Beobachtungen und Reflexionen
Mittwoch Nachmittag. Warten auf Christo und Jeanne-Claude, auf das wohl bekannteste Künstlerpaar der Gegenwart. So viele Geschichten über sie kursieren. Er still und schüchtern, sie dominant und zickig. Als Zeitungsmensch weiß man, es muss nicht alles stimmen, was die Medien schreiben. Sie sind beide von New York gekommen, wie immer mit verschiedenen Flügen, der eine über Frankfurt, der andere über Zürich. Jeanne-Claude hat in einem Interview einmal gesagt, warum sie getrennt reisen: "Wenn einer abstürzt, kann der andere das Projekt fortführen." Am Münchner Flughafen treffen sie sich und ihren langjährigen Organisator aller europäischen Aktivitäten, Josy Kraft. Zusammen geht es nach Passau. Dann kommen sie: Herzliche Begrüßung und Umarmung. Sie haben den langen Flug gut überstanden, freuen sich auf Passau. Gleichwohl sie die Orte auf der Welt nicht lieben, die nicht per Flugzeug zu erreichen sind. Christo hat bei der Fahrt bemerkt, wie breit hier die Donau schon ist. Darüber ist er erstaunt, dachte er
doch bisher, sie sei erst in den Balkanländern so breit.
Kurzes Refreshing. Man nimmt kalte Getränke, Pralinen. Jeanne-Claude ist fürsorglich; sie denkt daran, dass die Fahrer Durst haben könnten, bietet ihnen Getränke an. Man geht den Regieplan der nächsten drei Tage durch. Everything is alright. Dann steht Arbeit an: Signieren. Das Künstlerpaar ist hoch professionell, konzentriert. Sie mit dunkler Hose und orangefarben gestreifter Bluse, er mit Jeans und Karohemd. Sie signieren mit bunten Stiften, Christo als Erster, dann reicht er an Jeanne-Claude weiter. Unzählig viele Bücher sind zu signieren. Christo und Jeanne-Claude sind kein bisschen müde. Jetzt verstehe ich, wenn es heißt, er könne 17 und sie 15 Stunden am Tag arbeiten.
Die Christo-Freunde Wolfgang Volz und Ehefrau Sylvie - seit Jahren der Fotograf von Christos und Jeanne-Claudes Projekten - sind gekommen. Es wird von gemeinsamen Freunden erzählt, Witze werden gemacht, die dürfen ruhig auch einmal derb sein. Christo und Jeanne-Claude interessieren sich für die Namen, die sie schreiben. Woher kommt Weißenbauer und was bedeutet schließlich Schwarzenegger? Sie lassen sich die Namen erklären. Sie entdecken, dass der Name eines Freundes dabei ist, auch wenn es sich hier um eine ganz andere Person dreht. Nach zehnstündigem Flug und Signieren endlich Entspannung. Man setzt sich zusammen. Christo und Jeanne-Claude haben Kaviar mitgebracht und Bündner-Fleisch und eine Salami. Dazu Toast. Es ist eine kleine Vorspeise mit einem Schluck Wodka vor dem abendlichen Dinner. Man genießt, aber durchaus in Maßen.
Mittwoch Abend. Dinnertime. Christo und Jeanne-Claude ernähren sich gesund, vermeiden Fettes. Die beiden lieben Salat; er besonders Tomaten und Zwiebeln. Es fällt der liebevolle Umgang miteinander auf. Beide sind sehr fürsorglich zueinander. Er sagt oft "Amore" zu ihr; sie sieht zu, dass er eine Sachertorte bekommt und Espresso. Sie sind beide sehr aufeinander bezogen. Bei Tisch redet man über Politik, in Amerika, in Deutschland, im Nahen Osten. Die beiden sind außerordentlich gut informiert, beobachten, was in anderen Ländern läuft. Immer wieder stellen sie Fragen zu Deutschland und zu Bayern. Jeanne-Claude kennt Sissi und Ludwig II. Sie weiß über seine Schlösser und dass er viel geleistet hat. "Warum hat man ihn für verrückt erklärt?" Christo erzählt, dass beide den Visconti-Film über Ludwig II. neulich gesehen haben. Spät am Abend wird noch über die Arbeit gesprochen; wenn das Künstlerpaar in Europa ist - und in diesem Jahr ist dies nur im Frühjahr in der Schweiz gewesen und eben jetzt in Passau und anschließend in London -, dann treffen sie sich mit Galeristen, Buchverlegern und ihrem Haus- und Hoffotografen; es wird geplant und signiert. Man spricht noch weit nach Mitternacht das Pensum der nächsten Tage durch.
Donnerstag Morgen. Um acht Uhr gibt es bereits Frühstück. Die beiden sind topfit. Beide essen gern Joghurt zum Frühstück. Christo mit Knoblauch, "das ist gesund", sagt Jeanne-Claude, die einen starken Espresso genießt. Bereits eine halbe Stunde später beginnt der Arbeitstag. Die drei Ausstellungen im Medienzentrum, in der St.-Anna-Kapelle und im Museum Moderner Kunst werden besucht. Beide Künstler nehmen es sehr genau mit der Präsentation. Hängen die Arbeiten richtig? Sind die Schilder gut auf Augenhöhe angebracht? Sind Sie ordentlich geklebt? Stimmt die Schrift? Einige der großen Photomurals von Wolfgang Volz haben sie selbst noch nicht gesehen, sind erstaunt, freuen sich daran. Die Gedanken sind immer bei den Werken.
In der St.-Anna-Kapelle sind es vor allem die frühen Arbeiten und die "Türfronten", die sie aufmerksam betrachten. "Wir haben kaum mehr Arbeiten aus dieser Werkphase", sagt Christo. Im Museum Moderner Kunst gilt ihre größte Aufmerksamkeit dem nächsten Projekt: "Over the River". Zwei Schilder sind nicht ganz korrekt und müssen ausgetauscht werden. Sie sehen sich alles bis ins Detail an. Anschließend geht’s zum Stadtrundgang. Vom Stephansdom sind sie beeindruckt, können gar nicht glauben, dass das Bistum Passau einmal bis Wien und Ungarn gereicht hat.Und immer wieder gibt es Fragen. "Wie wurde der gotische Dom zerstört?", will Christo wissen und betrachtet später den gotischen Ostchor, der der Feuersbrunst 1662 entgehen konnte. Medien schließen sich unserem Stadtrundgang an und
sie haben Mühe, dem forschen Schritt der beiden nachzukommen. Dann fahren wir in Richtung Dreiflüsseeck, das leider noch in dichtem Nebel verhüllt ist. Nebel mag das Künstlerpaar, stellt fest, dass er hier noch echt ist und nicht eine Smog-Dunstglocke wie in London. "Nebel ist gut für den Teint", sagt Jeanne-Claude. Ein Blick von der Aussichtsplattform auf Oberhaus entlockt Christo ein "How lovely!". Später sagen beide auf Fragen von Passanten, dass sie nicht reisen, um Orte für ihre Kunstprojekte zu finden, sondern um die Landschaften auf sich wirken zu lassen und um ihres Vergnügens willen.
Christo und Jeanne-Claude reisen gern. Donnerstag Mittag. Nach dem offiziellen Termin im Rathaus wollen Christo und Jeanne-Claude mitten in der Altstadt essen gehen. Wir gehen in den "Grünen Baum". Viel ist los. Die Leute aus den Ämtern und den Gerichten machen hier Mittagspause. Das prominente Paar wird natürlich erkannt, aber nicht belästigt. Die Menschen hier haben ein feines Gespür dafür, dass das Essen eine private Situation ist. Christo und Jeanne-Claude schmeckt das bayerische Essen. Fleischknödel mit Sauerkraut, eine Knoblauchsuppe, ein dunkles Bier. Christo-Bühnenbildner Oswald Dillier ist dazugestoßen. Gleich wird über die nächste Ausstellung in Zürich diskutiert. Da werden eine Serviette zum Ausstellungsraum und Zündhölzer zu "The Gates" - und es wird diskutiert und spekuliert. Immer sind die nächsten Projekte und Ausstellungen gegenwärtig. Später wird Jeanne-Claude sagen: "Ein wahrer Künstler lebt nur für seine Projekte - egal, was andere darüber sagen oder denken."
Später - Signierstunde im Medienzentrum: Rund 250 PNP-Leser kommen, um die PNP-Sonderseite von "The Gates" in der Zeitung signieren zu lassen. Christo und Jeanne-Claude signieren geduldig. Als die Stunde beendet ist, kommt Phil im Rollstuhl, ein kranker Junge, der auf vielen Events zu sehen ist und selbst malt. Jeanne-Claude spricht mit ihm, macht ihm Mut. Phil strahlt und ist glücklich. Wieder "daheim" wird gearbeitet: Ein idealer Platz ist gefunden in der Garage der Privatvilla, wo sie wohnen. Ein Pingpongtisch bietet eine ideale Arbeitsfläche. Es wird signiert, Modelle werden ausgebreitet, Ausstellungspläne diskutiert. Heftig und kontrovers wird gesprochen. "Das ist unsere Methode. Wenn Christo etwa sagt, der Stoff muss bis zum Boden gehen, dann sage ich: nein, nur bis zur Hälfte, weil ich will, dass er darüber nachdenkt", erklärt mir Jeanne-Claude.
Donnerstag Abend. Ein exquisiter Termin steht noch vor der Ausstellungseröffnung im MMK an: Ein Besuch im Glasmuseum Passau bei Georg Höltl. Staunend gehen Christo und Jeanne-Claude, die sich eigentlich nicht für Glas interessiert, durch die Räume. Sie können es nicht fassen, dass ein Einzelner dies alles zusammengetragen hat. Sie sind wirklich beeindruckt von der Schönheit der Gläser; Jeanne-Claude kann bei manchem Stück gar nicht glauben, dass es aus Glas ist. Christo interessiert sich besonders für die Gläser aus der Art-déco-Zeit und dem Jugendstil. Sie gratulieren Georg Höltl zu diesem Lebenswerk."Es ist wirklich phantastisch", so Jeanne-Claude. So viele Menschen hat das Museum Moderner Kunst noch nie gesehen. Gedränge in allen Gängen; junge Leute sitzen am Boden; drangvolle Enge herrscht im Hauptraum. Christo und Jeanne-Claude begrüßen die Laudatorin Sylvia Weber als gute alte Freundin und sie begrüßen Hanns Egon Wörlen, den Gründer des Museums.
Nach den offiziellen Reden wiederum geduldiges Signieren. Unverständnis über unverschämte Leute, die die beiden bedrängen wollen. Und gerade Jeanne-Claude beobachtet sehr genau, wer eine gute Erziehung hat. Sie selbst, die Generalstochter, hat eine sehr gute Erziehung genossen, was man in jedem Augenblick bemerkt. Angefangen von den Tischmanieren bis zum Umgang mit ihrem Mann. Nach der Ausstellungseröffnung geht es ins brechend volle Scharfrichterhaus Passau. Ihnen gefällt die Atmosphäre; viele junge Leute sind da. Sie wollen die Geschichte und Tradition des Hauses wissen. Noch besser gefällt es ihnen, als gegrillte Würstchen, Kartoffeln und Salat am Tisch stehen. Sie essen gern Gegrilltes, der würzige Senf schmeckt ebenfalls und das dunkle Bier. Am späten Abend wird in ihrem Domizil wiederum gearbeitet, signiert, Pläne ausgearbeitet, bis fast zwei Uhr nachts.
Freitag Morgen. Nach dem frühen Frühstück steht ein Exklusiv-Interview mit der Kultursendung "Capriccio" auf dem Programm. Man trifft sich in der St.-Anna-Kapelle. Die beiden sind Medienprofis. Die Antworten sind präzise, nicht zu lang. Sie wechseln sich ab. Christo ist prägnant kurz, Jeanne-Claude breiter erklärend. Sie gehen mit der Redakteurin durch die Ausstellung "Prints and Objects", erklären, warum es falsch ist, sie immer als "Verhüllungs- oder Verpackungskünstler" zu sehen. "Betrachten Sie die Projekte ,Eiserner Vorhang‘ 1961/62, ,Talvorhang‘ 1969-72, ,Laufender Zaun‘ 1972-76, ,Umsäumte Inseln‘ 1980-83, ,Die Schirme‘ 1984-91 oder ,Die Tore‘ 1979-2005 - sie alle haben mit Verhüllung nichts zu tun. Wir verhüllen nicht mehr. Das sind Ideen unserer Jugend, zu denen wir nicht mehr zurückkehren. Dann Get Together mit Sponsoren und ausgewählten Gästen in der Kapelle. Die Disziplin der beiden ist bewundernswert. Auch wie Jeanne-Claude immer wieder registriert, was um sie geschieht. Zu einem Besucher, der mehrfach in der Schlange steht, sagt sie: "Ich habe sie gestern auch schon bemerkt." Oder: "Schiebe die Bücher nur weiter, hebe sie nicht an, sonst hast du am Ende des Tages Tonnen bewegt", sagt sie zu mir, als ich signierte Bücher weiterreichen will. Sie hat Recht, sie weiß es aus Erfahrung.
Freitag Nachmittag. Es bleiben noch kostbare Stunden bis zum Essen mit den Sponsoren im Museum Moderner Kunst. Christo und Jeanne-Claude rasten nicht. Arbeitspapiere, Architekturpläne werden ausgebreitet, nächste Ausstellungen mit Josy Kraft und Wolfgang Volz besprochen. Man nimmt Espresso. Dann das Sponsorenessen. Christo und Jeanne-Claude diskutieren die Sitzordnung; so ist sie in den USA nicht üblich, aber "wir sind hier in Deutschland". Essen können sie um diese Zeit kaum etwas. Dann Fototermine mit den Sponsoren. Alles läuft routiniert ab; sie sind echte Profis. Gruppenfoto mit Banker. Jeanne-Claude schäkert mit Generalbevollmächtigten Osvin Nöller. Christo plaudert mit der Sparkassen-Chefin Renate Braun. Eng ist der Zeitplan gestrickt. Die Limousinen bringen die beiden ins Medienzentrum.
Freitag Abend. Die Lecture im Medienzentrum. Große Freude, dass Prof. Rita Süssmuth da ist und Roland Specker, der zusammen mit Wolfgang Volz der Projektleiter bei "Verhüllter Reichstag" war. Fast andächtig lauschen 600 Besucher dem Vortrag Christos, der von Wolfgang Volz übersetzt wird; betrachten die Projekte in aller Welt, die alle temporären Charakter haben. Dann die Fragen; es dauert, bis mehrere sich trauen. Jeanne-Claude gelingt es, das Eis zu brechen. Jetzt kommen auch Fragen aus den Galerien. Beide betonen die Unabhängigkeit von öffentlichen Geldern und Sponsoren. Geschenke, Blumen, ein rascher Abgang ins Zelt. Dort wird signiert. Wiederum lange Schlangen. Während die Gäste essen und trinken, arbeiten die beiden Künstler unermüdlich fast bis Mitternacht.
Dann geht’s zurück in die Gästevilla. Seit dem Mittagessen haben sie nichts gegessen. Jetzt gibt es einen kleinen Imbiss. Dazu einen Wodka, für Christo ein Glas Rotwein. Roland Specker ist mit von der Partie. Man erinnert sich an alte Zeiten, erzählt vom Reichstagsprojekt - und freut sich auf Rita Süssmuth. Sie kommt weit nach Mitternacht. Und diskutiert gleich mit. Erzählt von ihren neuen Aufgaben als Präsidentin der OTA-Hochschule. Man diskutiert über die politische Lage Europas. Christo und Jeanne-Claude sind gierig und dankbar, aus "erster Hand" eine Einschätzung der Lage zu erhalten. Als Rita Süssmuth, die sehr bald in der Früh nach Berlin aufbrechen muss, zu Bett geht, ist lange noch nicht Schluss. Die beiden haben noch einige Dinge, die am "Arbeitsplatz Garage" liegen, nicht bearbeitet. Dies geschieht noch zu spät nächtlicher Stunde. Die Disziplin der beiden ist bewundernswert. Sie leben jeden Augenblick ihre Visionen und ihre Projekte.
Samstag Morgen. Dichter Nebel liegt über der Stadt. Das Künstlerpaar ist pünktlich um 8 Uhr zur Stelle; ein kleines Frühstück. Die beiden essen übrigens sehr wenig. Doppelter Espresso ist allerdings wichtig. Jeanne-Claude erzählt, dass es sehr selten vorkommt, dass sie außerhalb von Projekten drei Tage an einem Ort bleiben. Die Koffer sind gepackt. Christo nimmt seine Dias immer persönlich mit, auch im Flugzeug als Handgepäck. Er gibt sie nicht aus der Hand. Man beschließt, früher zu fahren - wegen des Nebels. It’ s time to say good-bye. Ich bin glücklich, dieses außerordentliche Künstlerpaar drei Tage lang begleitet zu haben. Menschen, die so absolut ihre Visionen verwirklichen und leben, sind sehr selten geworden.
Edith Rabenstein
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Info:
Medienzentrum der Passauer Neuen Presse
Medienstraße 5, 94036 Passau
Tel. 0851/8020
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