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Zur Genese der Veranstaltungreihe "Menschen in Europa"
Aus: Die Zeitungsmacher - Verlagsgruppe Passau. Ihre Geschichte, ihr Erfolg
Ein Schiff, dessen Bug nach Osten zeigt - die Idee der Architekten für das Medienzentrum, den neuen Sitz der Verlagsgruppe im Passauer Gewerbegebiet Sperrwies, hatte unwissentlich etwas Visionäres. Denn als das Medienzentrum fertig war, eingeweiht wurde 1994, da hatte der Verlag gerade seine ersten Schritte nach Tschechien getan. Davon konnte 1988, als Franz Xaver Hirtreiter nach Passau kam, niemand etwas ahnen. Der neue, junge Geschäftsführer wusste nur: Am alten Standort in der Neuburger Straße würde es nicht möglich sein, das Unternehmen zu entwickeln, hin zu einem modernen Zeitungsverlag. Das neue Gewerbegebiet, das die Stadt kurz zuvor ausgewiesen hatte, kam da gerade recht, im Westen der Stadt, wo vorher nur wenige Wohnhäuser standen und Bauern ihre Felder bestellten. Dort also sollte eine neue Ära ihren Anfang nehmen: In einem Gebäude von Luft, Licht und Offenheit, voller Selbstbewusstsein. Mehr als einmal ist es vorgekommen, dass Geschäftspartner das weite, chrom- und glasblitzende Atrium erstaunt betraten und verlegen zugaben: „Wir dachten, das ist hier so eine kleine Klitsche.“
Das Medienzentrum stand, die Computer liefen, die Mitarbeiter waren eingezogen. Doch Gesellschafterin Angelika Diekmann, die gleichzeitig die Feuilleton-Redaktion der „Passauer Neuen Presse“ leitet, fand: Da fehlt noch was. Zu viele nackte, leere Wände. Kunst muss her! Ob sie damals schon daran dachte, dass sie in diesem Punkt Probleme mit ihrem Geschäftsführer bekommen würde? Denn dessen Aufgabe war es ja, das Geld zusammenzuhalten. Und Kunst, so viel war klar, würde zuerst einmal Geld kosten. Angelika Diekmann nahm den Kampf auf, setzte sich durch - und Franz Xaver Hirtreiter sagte später, das sei die einzige Niederlage, die er erlitten habe.
Die Kunst hielt Einzug in das Medienzentrum - Riesenformate und Miniaturen, in Aquarell und in Öl, kleine Stilleben und exzessiv Buntes. Große Namen darunter. Jürgen Klauke, Arnulf Rainer, Heinz Mack. Aber auch regionale Künstler, die den Durchbruch noch nicht geschafft haben, nun jedoch, durch die Ankäufe des Verlags, für einige Zeit etwas sorgenfreier produzieren konnten.
Der Verlag wurde international - das brachte der Gesellschafterin eine neue Idee: Wie wäre es, wenn einmal im Jahr ein bedeutender Künstler eines „VGP-Landes“ in Passau seine Werke zeigen würde? Wäre das nicht ein großartiges Signal in diese Länder: Wir sind nicht nur bei Euch, um Geld zu verdienen; wir interessieren uns für Eure Tradition, für Eure Kultur, Eure Kunst? Den Anfang machte dann allerdings doch das Heimatland des Unternehmens: 1996 zeigte Heinz Mack seine Werke, der auch den Brunnen vor dem Medienzentrum entworfen hatte. Es folgten: aus Österreich Arnulf Rainer und seine expressiven Übermalungen. Aus Polen Roman Opalka, dessen Konzept darin besteht, Zahlen zu malen, immer nur Zahlen und nichts als Zahlen, eine titanische Lebensaufgabe: Bei 1 hat er begonnen und schreibt seit 30 Jahren immer weiter fortlaufend Zahlen auf Leinwände, solcherart einerseits die Zeit darstellend, andererseits ein Werk von höchst eigener Ästhetik erschaffend. Fabrizio Plessi vertrat im Jahr 2000 Italien, und die PNP-Mitarbeiter gewöhnten sich für ein paar Wochen an ein riesiges schwarzes Installations-Ungetüm in ihrem Atrium und an andere rätselhafte Werke rund um ihre Arbeitsplätze. Im Jahr darauf zeigte der Slowake Jozef Jankoviã seine heiter-melancholischen Menschen-Figuren. Und für 2002 ist wieder ein Deutscher eingeladen: Günther Ücker, dessen Nagel-Kunst ihn weltberühmt gemacht hat. Der übrigens wurde in Mecklenburg geboren und zum Kosmopoliten, der in der ganzen Welt gereist ist und gearbeitet hat - und so passt er noch ein bisschen besser ins Konzept, das sich mittlerweile weiterentwickelt hat: Nun heißt es nicht mehr nur „Kunst in Europa“, sondern „Menschen in Europa“.
Eine gute Idee trägt in sich selbst die Tendenz weiterzuwachsen. Und weil bei den Ausstellungs-Eröffnungen naturgemäß Menschen der unterschiedlichsten Nationalitäten zusammenkamen, gingen die Gespräche und die Begegnungen bald über die Kunst hinaus: Manager besprachen Wirtschafts-Kontakte, Politiker lernten ihre Kollegen aus den Nachbarländern kennen, Universitäts-Professoren Wissenschaftler aus anderen Ländern. Angelika Diekmann dachte weiter - und kam zu dem Plan, nun ein ganzes Land in all seinen Facetten vorzustellen, in allen kulturellen, geistigen, wirtschaftlichen Aspekten. Da spielen Folklore-Gruppen und Jazz-Bands. Da diskutieren Bischöfe, Publizisten und Politiker. Da bietet Jürgen Krutsch im Betriebsrestaurant Spezialitäten aus den jeweiligen Ländern an (und gibt zu, dass ihm das mit Italien um einiges leichter fiel als mit der Slowakei).
Die Eröffnung der Kultur-Wochen - das ist mittlerweile ein gesellschaftliches Ereignis von Rang. Das liegt auch daran, dass es Angelika Diekmann mit Geschick und Hartnäckigkeit immer wieder gelingt, Gäste nach Passau zu holen, die auch in Großstädten nicht jeden Tag zu sehen sind. Wo kann man schon den Friedensnobelpreis-Träger Lech Walesa mit dem früheren deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher diskutieren hören? Wo den bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber mit der österreichischen Außenministerin Benita Ferrero-Waldner? Und welcher Veranstalter kann seinen Gästen schon Romano Prodi präsentieren? Der damalige Präsident der EU-Kommission hielt 2000 die Eröffnungsrede für seinen Landsmann Fabrizio Plessi. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Buches, im Sommer 2002, liefen die Vorbereitungen für die Veranstaltung im Herbst bereits auf Hochtouren; Helmut Kohl und Michael Gorbatschow sollten auf dem Podium über „12 Jahre deutsche Einheit“ diskutieren.
In solchen Tagen ist das Medienzentrum, obwohl am Rand der Stadt gelegen, der Mittelpunkt Passaus. Denn auch, wenn gerade keine Veranstaltung auf dem Programm steht, ist das Haus voller Leben, abgesehen von dem Gewusel, das in einem Zeitungsverlag sowieso tagtäglich herrscht. Da kommen Schulklassen mit ihren Kunstlehrern. Da lassen sich die PNP-Mitarbeiter von den Fachleuten aus dem Haus den manchmal nicht einfachen Zugang zur gerade gezeigten Kunst weisen. Da bringen Stadt-Politiker ihre Gäste in die Sperrwies, auf dass der Glanz auch sie bestrahle. Vor allem aber: Der Verlag bringt Menschen zusammen, die sich sonst wahrscheinlich nicht getroffen hätten. Es kann ja für den Politiker aus Brüssel durchaus interessant sein, einmal mit einem polnischen Landrat Probleme und Möglichkeiten der EU-Erweiterung zu diskutieren. Nebenbei ist die Eröffnung von „Menschen in Europa“ natürlich auch immer ein großes Medien-Ereignis - selten einmal sind so viele Prominente in so großer Versammlung zu erleben. Für den Verlag, für die Stadt, für die Region kann das nur gut sein, wenn sogar die italienische RAI ein Kamerateam an die Donau schickt, und viele andere Medien aus ganz Europa ebenfalls berichten von glanzvoller Eröffnung, tiefsinnigen Diskussionen, europäischem Zusammentreffen.
Am Anfang standen weiße Wände, die geschmückt werden sollten mit großer Kunst. Daraus entstand die Idee der Ausstellungen internationaler Künstler. Und die wiederum entwickelten sich zu einem Ort, an dem sich Europa trifft. Und alles findet statt in einem Haus, in einem Schiff, dessen Bug nach Osten schaut. Die Vision der Architekten für das Medienzentrum Sperrwies - sie hat sich auf eine geradezu atemberaubende Weise erfüllt.
Pressestimmen
„In der Medienbranche der Slowakei gibt die Verlagsgruppe Passau den Ton an.“ „Franz Xaver Hirtreiter nutzte die Veranstaltung … zu einem Appell an die Politiker, bei denen Verhandlungen mit den osteuropäischen Ländern über die Aufnahme in die Europäische Union auch deren Interessen zu sehen.“ Bayerischer Rundfunk
„Ihr Haus leistet also Basisarbeit für die slowakische Kultur.“ Focus
„So treffen sich alljährlich im Oktober und November nun herausragende Persönlichkeiten aus verschiedenen Ländern zu vielbeachteten Diskussionsrunden.“ Savoir Vivre
„… eine Veranstaltung …, die daran erinnerte, dass gerade eine qualitative Kommunikation zwischen Nationen und Menschen nötiger denn je ist.“ Televize Nova, Prag
„Weltklasse (…): A. Rainer. Das Engagement der Verlegerfamilie ermöglicht den Kunstgenuß zum Nulltarif.“ Oberösterreichische Rundschau
„Es gibt Ausstellungen, leider selten genug, die bezaubern den Besucher vom ersten bis zum letzten Bild. (…) die ‚Verlagsgruppe Passau‘, die in der Tschechischen Republik verlegerisch stark engagiert ist, richtet ihm in ihrem ‚Medienzentrum‘ eine Schau aus, in der die wichtigsten Techniken zum eindrucksvollen Gesamtbild zusammengestellt werden.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung
„Die Tradition der glänzenden Diskussionsredner wurde fortgesetzt: Zwei große Gestalten der europäischen Politik diskutierten über Begriffe wie Europa, Freiheit, Einheit und Zukunft ? Lech Wa?´sa und Hans-Dietrich Genscher.“ Veãerník Praha, Prag
„…‚Mit der Osterweiterung der EU rückt Passau in die Mitte Europas‘ antwortete Prodi. Überhaupt sei die Stadt ein Symbol für das immer größer werdende und zusammenwachsende Europa: ‚Drei Flüsse, drei Länder und der Sitz eines großen Verlagshauses, das ein europaweites Netz von Lokalzeitungen betreibt.“ Süddeutsche Zeitung
(aus: Stephan Handel, Die Zeitungsmacher - Verlagsgruppe Passau, ihre Geschichte, ihr Erfolg, Passau 2002, S.61-63)
Stephan Handel
»Die Zeitungsmacher«
Die Verlagsgruppe Passau - Ihre Geschichte, ihr Erfolg
Vor 100 Jahren wurde der Zeitungsgründer Dr. Hans Kapfinger geboren. Er machte die Passauer Neue Presse zum Sprachrohr seiner niederbayerischen Heimat. Zum Geburtstag erschien 2002 eine Chronik über die Verlagsgruppe Passau.
Der am 27. Dezember 1902 in Adldorf bei Landau an der Isar geborene Kapfinger hatte das Zeitungswesen von der Pike auf gelernt. 1927 erhielt er als Redakteur seine erste Anstellung beim Straubinger Tagblatt.
Wegen seiner anti-nationalsozialistischen Einstellung baten ihn die Amerikaner nach Kriegsende, in die niederbayerische Heimat zurückzukehren und Zeitung zu machen. Nach der feierlichen Lizenzerteilung erschien am 5. Februar 1946 die erste Ausgabe der Passauer Neue Presse.
Hans Kapfinger schickte sich an, die PNP zu einer der bedeutendsten bayerischen und zur führenden Tageszeitung Ostbayerns zu machen. Als er am 28. Juli 1985 starb, hinterließ er ein Haus mit der Zielsetzung, Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Zeitung zu erhalten, die Marktwirtschaft zu verteidigen, die christlichen Grundlagen unserer Kultur zu bewahren, die lokale Wirtschaft zu fördern und die Arbeitsplätze zu erhalten.
Die Chronik stellt sowohl die Anfänge, als auch die aktuellen Entwicklungen dar.
Bibliographische Angaben:
Gebunden - 76 Seiten
Passavia, 2002
ISBN: 3-87616-001-4
14,90 Euro
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